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    • Chinesische Auslandsinvestitionen sanken weltweit um 45 Prozent auf USD 29 Milliarden in 2020, den niedrigsten Stand seit 2008.

    • Siebte jährliche Analyse von Baker McKenzie in Zusammenarbeit mit der Rhodium Group zeigt: Chinesische ausländische Direktinvestitionen (FDI) sind in Europa um 44 Prozent auf USD 7,5 Milliarden gesunken, in Nordamerika hingegen um mehr als ein Drittel auf USD 7,7 Milliarden gestiegen.

    • Deutschland (USD 2,0 Milliarden), Frankreich (USD 1,0 Milliarden), Polen (USD 780 Millionen), Schweden (USD 719 Millionen) und Großbritannien (USD 427 Millionen) verzeichneten die meisten Investitionen.

    • Ausländische Fusionen und Übernahmen in China erholten sich im zweiten Halbjahr 2020 deutlich und erreichten im Gesamtjahr ein ähnliches Niveau wie 2019.

    • 2020 dürfte die Talsohle für chinesische Investitionen im Ausland erreicht sein, da sich der politische und makroökonomische Gegenwind für chinesische Investoren 2021 abschwächen dürfte. Dies führt zu mehr potentiellen Deals.

    • Das umfassende Investitionsabkommen (CAI) zwischen der EU und China könnte neue Akzente für künftiges Wachstum setzen.

Die weltweite Corona-Pandemie löste bisher keinen chinesischen Kaufrausch von Distressed Assets aus, sondern verlangsamte weiter das Tempo der grenzüberschreitenden Übernahmen chinesischer Unternehmen 2020. Das ergab die siebte jährliche Analyse von Baker McKenzie in Zusammenarbeit mit der Rhodium Group zu den Trends bei chinesischen Auslandsinvestitionen.

Chinesische Auslandsinvestments beliefen sich 2020 auf nur USD 29 Milliarden - das entspricht einem Rückgang um fast die Hälfte gegenüber USD 53 Milliarden in 2019 und einem Rekordhoch von USD 139 Milliarden in 2017. Es ist der niedrigste Wert seit 2008. Weltweit hielten nur die abgeschlossenen chinesischen Transaktionen in Lateinamerika 2020 mit dem Vorjahr Schritt.

Rechnet man die Greenfield-Investitionen zu den abgeschlossenen Fusionen und Übernahmen hinzu, so zogen Nordamerika und Europa insgesamt USD 15,2 Milliarden an chinesischen ausländischen Direktinvestitionen an. Erstmals seit fünf Jahren übertrafen die abgeschlossenen Investitionen in Nordamerika die Investitionen in Europa. Das ist auf den Abschluss mehrerer milliardenschwerer Transaktionen zurückzuführen. Die Investitionen in Europa waren stärker fragmentiert und bestanden aus kleineren Transaktionen, die sich über verschiedene Regionen und Branchen verteilten.

Alle anderen Regionen der Welt verzeichneten 2020 ebenfalls einen Rückgang der chinesischen Aktivitäten im Vergleich zu 2019 - mit Ausnahme von Lateinamerika. Dort blieb die Aktivität im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Dies liegt darin begründet, dass eine Reihe von in 2019 angekündigten Akquisitionen im Energie- und Versorgungsbereich in Brasilien, Chile und Peru abgeschlossen wurden. Akquisitionen in Asien fielen um ein Drittel auf USD 7,1 Milliarden.

Chinesische Unternehmen halbieren fast ihre Investitionen in Europa

Die chinesischen FDI in Europa sanken 2020 weiter von USD 13,4 Milliarden in 2019 auf USD 7,5 Milliarden und lagen damit zum ersten Mal seit 2016 unter dem Wert für Nordamerika. Im Vergleich zu Nordamerika hatten chinesische M&A-Transaktionen in Europa mittelgroße Ziele in einem breiteren Branchenspektrum im Visier. Chinesische Greenfield-Aktivitäten in Europa waren 2020 mit fast USD 1 Milliarde an abgeschlossenen Investitionen robuster als in Nordamerika. Es gab mehr mittelgroße Transaktionen in Europa, die sich über Branchen wie Immobilien und Gastgewerbe, Automobil und Energie verteilten.

Wie bei den Investitionen in Nordamerika sorgten Kapitalverkehrskontrollen im Ausland und die verstärkte Prüfung chinesischer Investitionen in den Gastländern für Gegenwind, ebenso wie die Corona-Pandemie. So brach die FAW Group im Laufe des Jahres die Gespräche zur Übernahme des italienischen Lkw-Herstellers Iveco für EUR 3 Milliarden ab, wobei FAW die Pandemie als Grund für ihre Entscheidung angab.

Deutschland (USD 2,0 Milliarden), Frankreich (USD 1,0 Milliarden), Polen (USD 780 Millionen), Schweden (USD 719 Millionen) und Großbritannien (USD 427 Millionen) verzeichneten die meisten Investitionen. Das Investitionsniveau in Deutschland kehrte in den für vor 2019 typischen Bereich von etwa USD 2 Milliarden zurück. Chinesische Investitionen in Frankreich erlebten 2020 ein Comeback dank einiger großer abgeschlossener Übernahmen, nachdem sie 2019 stark zurückgegangen waren. Die Investitionen in Polen konzentrierten sich auf den Erwerb eines einzelnen großen Lagerhausportfolios. In Schweden sind weiterhin anhaltende chinesische Investitionen über dem historischen Durchschnitt zu verzeichnen.

Wegen der Unsicherheit des Brexit, anhaltender chinesischer Beschränkungen für ausländische Transaktionen im Immobiliensektor und anderen Dienstleistungssektoren sowie zunehmender Spannungen mit China fiel das Vereinigte Königreich in diesem Jahr auf den fünften Platz unter den europäischen Ländern mit nur etwa USD 427 Millionen an Investitionen durch einige kleinere abgeschlossene M&A-Deals wie Jingye Group/British Steel. Eine im Juni angekündigte milliardenschwere Greenfield-Investition von Huawei im Bereich Forschung und Entwicklung deutet jedoch darauf hin, dass chinesische Firmen nach wie vor an Großbritannien interessiert sind und die Gesamtzahlen künftig erhöhen werden, wenn diese Investition zustande kommt. Auch in Italien, Irland und den Niederlanden sanken die chinesischen Investitionen auf ein sehr niedriges Niveau.

Im Vergleich zu Nordamerika zielten chinesische M&A-Transaktionen in Europa auf mittelgroße Unternehmen in einem breiteren Branchenspektrum. Zu den Top-Deals nach Investitionsgröße gehörten Ziele wie ein Lagerlogistik-Netzwerk in Polen und einigen anderen mitteleuropäischen Ländern (GLP, USD 1,1 Milliarden), die deutsche Steigenberger Hotels AG (Huazhu Group, USD 780 Millionen), Frankreichs Asteelflash (Universal Scientific Industrial, USD 422 Millionen), National Electric Vehicle Sweden (Evergrande, USD 380 Millionen) und Frankreichs Maxeon Solar Technologies (Tianjin Zhonghuan Semiconductor, USD 300 Millionen).

Im Laufe des Jahres wurden auch große mehrjährige Greenfield-Projekte angekündigt, wie z. B. die angekündigte 2,4-Milliarden-Dollar-Batteriefabrik von SVolt Energy Technology in Deutschland, die Ende 2023 eröffnet werden soll.

EU-China-Investitionsabkommen: kein Game Changer, aber ein neuer Akzent von oben

"Obwohl der regulatorische und politische Gegenwind für chinesische Investoren in der EU anhalten wird und das Comprehensive Agreement on Investment (CAI) keine sofortige Veränderung darstellt, sendet es ein starkes Signal, dass chinesische Investitionen in Europa willkommen sind. Das wird sich wahrscheinlich positiv auf die Psychologie der Anleger auswirken", kommentiert Thomas Gilles, Leiter der EMEA-China-Gruppe von Baker McKenzie. "Dies könnte in Verbindung mit einer möglichen politischen Ermutigung durch Peking dazu beitragen, chinesische FDI in Europa wiederzubeleben und den Abwärtstrend seit 2017 umzukehren."

Der vorgeschlagene CAI-Deal wird chinesischen Investoren eine geringfügige zusätzliche Öffnung des EU-Marktes ermöglichen. Der europäische Markt war bereits sehr offen für chinesisches und anderes ausländisches Kapital. Das CAI verpflichtet die EU, ihren Energiesektor weiter zu öffnen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Einzel- und Großhandel, Handelsplattformen sind jedoch ausgeschlossen.

Die CAI wird die EU-Mitgliedsstaaten nicht darin einschränken, Abwehrmaßnahmen zu ergreifen, wie z.B. das Screening von ausländischen Direktinvestitionen, die Gesetzgebung zur Beseitigung von Subventionsverzerrungen im Binnenmarkt, die Verabschiedung eines restriktiveren Beschaffungsregimes und der Vorstoß, Risiken im Zusammenhang mit 5G zu reduzieren.

Nach dem Orkan - politischer Gegenwind wird schwächer

Chinas Wiedereinführung von Kontrollen für Auslandsinvestitionen, die zunehmende regulatorische Prüfung chinesischer Investitionen in vielen Teilen der Welt, geopolitische Spannungen und die COVID-19-Pandemie haben in den letzten Jahren für Gegenwind bei Investitionen gesorgt. Jedoch dürften die sich verbessernden politischen und makroökonomischen Bedingungen diesen Abwärtstrend für chinesische Investoren in diesem Jahr ändern. Die M&A-Pipeline bleibt Anfang 2021 niedrig. Doch Chinas günstige makroökonomische Bedingungen, ein berechenbareres regulatorisches Umfeld im Ausland und ein weniger umstrittenes geopolitisches Umfeld könnten dazu beitragen, das Interesse an Transaktionen zu steigern und eine weltweite Erholung der chinesischen Geschäfte sowie ein anhaltendes Wachstum der Investitionen in China zu unterstützen.

Der Rückgang der abgeschlossenen chinesischen M&A 2020 steht im Gegensatz zu den M&A-Strömen in die andere Richtung. Ausländische Fusionen und Übernahmen in China erholten sich im zweiten Halbjahr 2020 stark und erreichten für das Gesamtjahr ähnliche Werte wie 2019. Die relativ frühe und schnelle Erholung Chinas von den Auswirkungen von COVID-19 machte das Land zu einem attraktiven Ziel für ausländische Investoren, die auf kurz- und mittelfristiges Wirtschaftswachstum setzen.

"Es ist davon auszugehen, dass 2020 den Tiefpunkt für chinesische Auslandsinvestitionen darstellt, falls der politische und makroökonomische Gegenwind nachlässt", kommentiert Michael DeFranco, Global Head of M&A von Baker McKenzie. "Die wirtschaftlichen Anreize für chinesische Unternehmen, in europäische und nordamerikanische Märkte zu investieren, bleiben stark, und mehrere Kennwerte - einschließlich höherer nachhaltiger Investitionen westlicher Unternehmen in China - bewegen sich in eine Richtung, die eine größere Anzahl von Transaktionen in beide Richtungen 2021 begünstigt."

Ein aufhellender Ausblick?

"Die jüngsten Signale - vor allem der Übergang zu einer neuen US-Regierung und ein erfolgreicher Abschluss des CAI - deuten auf ein konstruktiveres globales Umfeld für chinesische Unternehmen im Vergleich zu den vergangenen vier Jahren hin. Das könnte dazu beitragen, die Stimmung und die Risikobereitschaft der Investoren zu verbessern", so Tracy Wut, Head of M&A Hongkong und China von Baker McKenzie.

Darüber hinaus schnellte Chinas Leistungsbilanzüberschuss 2020 in die Höhe, da die Ausgaben der Chinesen für den Überseetourismus weltweit zum Stillstand kamen. Dagegen erholten sich die chinesischen Exporte vor vielen anderen von der Corona-Pandemie betroffenen Nationen. Das übte einen Druck zur Aufwertung auf den Renminbi aus und schafft eine Gelegenheit für China, mehr Kapitalabflüsse zuzulassen, inkl. M&A im Ausland.

Schließlich werden chinesische Investoren mehr Transparenz über "rote Linien" in ausländischen Jurisdiktionen haben, da neue Regeln für das Investitionsscreening festgelegt werden: "Strengere Regeln für das Investitionsscreening und damit verbundene Richtlinien erhöhten in den letzten Jahren erheblich die regulatorischen Risiken und Unsicherheiten für chinesische Investoren, vor allem in den Bereichen Daten, Technologie, Infrastruktur und in verwandten Bereichen", so Sylwia Lis, Baker McKenzie Partnerin für internationalen Handel in Washington, DC. "Zusätzliche Unsicherheiten entstanden durch die Ad-hoc-Verschärfung der Prüfkriterien in vielen Gerichtsbarkeiten auf dem Höhepunkt der Pandemie. Mit Blick auf die Zukunft werden sich die Regeln und Praktiken zur Überprüfung ausländischer Investitionen zwar zweifellos weiterentwickeln, aber einige Unsicherheiten, was neue regulatorische Bestimmungen anbelangt, werden abnehmen. Denn die Gesetze wurden bereits umgesetzt und die Regelungen funktionieren nun."

 

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